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Im Verschwinden begriffen

Deutsch: Verschollenes Erbe der Russlanddeutschen
Im Verschwinden begriffen

Krasnojarsk (ORNIS) - „Mir ist wichtig, dass meine Kinder nicht nur deutsche Namen tragen, sondern auf jeden Fall auch die deutsche Sprache verstehen:“ Der frühere Fernsehmoderator Roman Engelhardt leitet heute ein Jugendzentrum in Krasnojarsk. Hier erfährt er tagtäglich, dass die deutsche Sprache immer mehr auch aus dem Leben der Russlanddeutschen verschwindet. Engelhardt: „Das finde ich bedauerlich.“

Von Roman Engelhardt

Ich bin Russlanddeutscher - so eine Art Halbblut. Deutsch könnte eigentlich meine zweite oder auch erste Muttersprache sein. Aber meiner Generation wurde die Muttersprache meiner Eltern leider nicht mehr beigebracht. Immer wenn ich in meiner Kindheit mit meinem Vater im Haus meiner deutschen Oma zu Gast war - meistens in der Urlaubszeit -, kam ich mit der deutschen Sprache in Berührung. Alle sprachen untereinander Deutsch. Es war die Sprache, die sie am besten beherrschten und der sie am nächsten standen.

Kindergarten, Mittelschule - alles habe ich in der Kleinstadt Igarka absolviert. Sie liegt 163 Kilometer oberhalb des nördlichen Polarkreises und ist auch meine Geburtstadt. Während meiner Kindheit lebten nur einige deutsche Familien dort. Es handelte sich dabei vor allem um die Kinder oder die Enkelkinder der ehemaligen Verbannten oder Arbeitslagergefangenen, so genannte ‚Volksfeinde’. Dass jemand freiwillig hierher kam wie mein Vater, war unter den dortigen Russlanddeutschen sehr selten.

Seit 1990 lebe ich nun in der Stadt Krasnojarsk. Sie liegt am Jenissei sowie an der Transsibirischen Eisenbahn und ist mit fast einer Million Einwohnern die drittgrößte Stadt Sibiriens. Hier gibt es weitaus mehr deutsche Familien, obwohl die meisten wieder nach Deutschland zurückgegangen sind. Deutsch wird auf den Straßen nur noch sehr selten gesprochen. Und dann eigentlich nur von Touristen. Seit zwei Jahren arbeite ich hier in einem Jugendzentrum. Ich bin stellvertretender Direktor. Meine Aufgabe besteht darin, verschiedene kulturelle Veranstaltungen durchzuführen wie Festspiele, Konzerte, Wettbewerbe usw. Außerdem arbeite ich als Pressesprecher unseres Zentrums. Früher war ich Fernsehmoderator.

Als ich angefangen habe Deutsch zu lernen, war ich neun Jahre alt. Es war in der Mittelschule, später dann an einer Pädagogischen Hochschule in der Fakultät für Fremdsprachen. Es war meine eigene Entscheidung, denn ich wollte die Sprache meiner Vorfahren studieren. Deutsch zu lernen war für mich nicht leicht, weil bei uns die Kultur des Fremdsprachenlernens damals nicht entwickelt war. Ein Mensch, der Fremdsprachen konnte, war wie ein Wunder. Später begann ich, meine zweite Fremdsprache an der Hochschule zu lernen. Es war Englisch und fiel mir noch schwerer.

Heute ist die Situation im Grunde nicht anders. Fremdsprachen sind in meiner Region immer noch etwas ganz Außergewöhnliches. Gänzlich anders als beispielsweise in Moskau, wo jeder Dritte ein wenig Englisch kann. Wenn ich in Krasnojarsk mit dem Bus unterwegs bin und offen ein deutschsprachiges Bucher lese, sehen mich fast alle mit großen Augen an: „Na nu, du kannst das lesen und verstehen?“. Auch in ‚meinem’ Jugendzentrum spielt eigentlich nur das Russische eine Rolle. Fremdsprachen sind den Jugendlichen fremd. Sie werden im Jugendzentrum nicht vermittelt. Und von zu Hause kennt sie sowieso niemand, denn die Kinder von Russlanddeutschen etwa haben wie ich die Sprache ihrer Vorfahren daheim nicht beigebracht bekommen.

Deutsch wird nur in Ausnahmefällen gesprochen. Beispielsweise dann, wenn ich ein paar Wörter auf Deutsch sage - als Witz. Dieser Humor ist das Erbe der Kriegszeit. Seit dem Zweiten Weltkrieg sind Aussprüche wie ‚Hitler kaputt!’, ‚Hände hoch!’, ‚Ausweis!’, ‚Schwein’, ‚schneller’, ‚auf Wiedersehen’ usw. allgegenwärtig. Fast alle kennen diese Begriffe bei uns, nicht nur Russlanddeutsche. Fast alle Leute merken dabei, dass die deutsche Sprache grob klingt. Eine kurze Geschichte, die Leo Tolstoi erzählte, ist in diesem Zusammenhang bezeichnend: „Die italienische Sprache ist für die Liebe, die französische Sprache ist die für die Gesellschaft, die englische Sprache ist für das Geschäft, die deutsche Sprache, sie ist für das Gespräch mit deinen Feinden, und die russische Sprache ist für alle diese Dinge gleichzeitig.“

Im Grunde genommen gibt es für mich im Jugendzentrum kaum Möglichkeiten, die deutsche Sprache zu kultivieren beziehungsweise das Bewusstsein um ihre historische Stellung in Russland zu schärfen. Im Privaten ist das anders. Zwar könnte ich nach Deutschland auswandern, wie es übrigens fast alle meine Verwandten väterlicherseits schon getan haben - während die, die noch nicht weggegangen sind, noch davon träumen -, aber ich habe diese Ambition nicht. Mir ist wichtiger, dass meine künftigen Kinder nicht nur deutsche Namen tragen, sondern auf jeden Fall auch die deutsche Sprache verstehen und natürlich auch gut Deutsch reden können. Dabei möchte ich ihnen helfen und nachholen, was mein eigener Vater versäumt hat. Darin sehe ich meine Hauptaufgabe als Jugendarbeiter mit deutschen Wurzeln.

Dennoch: Die Assimilation der Russlanddeutschen geht weiter. Die jungen Leute mit deutschen Namen reden überhaupt kein Deutsch mehr. Das finde ich bedauerlich. (ORNIS/Roman Engelhardt, 13. November 2006)

Roman Engelhardts Beitrag ist erstmals in der Berliner Gazette (http://www.berlinergazette.de) im Rahmen des Projekts McDeutsch (http://www.berlinergazette.de/index.php?pagePos=10) erschienen


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